Soraya Berent CD “Undividualism”
JAZZ’N’MORE (Christof Thurnherr)

Ein Schritt zurück, um vorwärts zu kommen.

Mit ihrer CD “Undividualism” macht die Genferin Soraya Berent ein starkes pers6nliches Statement und schlägt dabei gleichzeitig eine stilvolle Briicke zwischen dem Hier und Jetzt und den verschiedenen I Blfitezeiten des vokalen Jazz. Bereits im ersten Stiiciii “Inside Out” kehrt sie ihr lnnerstes nach aussen und I bringt das Programm ihrer Kunst auf den Punkt.

Von Christof Thurnherr

Der Text des ersten Stücks kann fast Zeile für Zeile zur Erklärung der Musik dieses I Quintetts beigezogen warden. “Straight to the essence” heisst es da, eine Absicht, die klarer kaum umgesetzt warden könnte. Soraya Berent, die Leaderin der Formation aus Genf, hat etwas mitzuteilen. “There’s all those words that make me drown.” Undividualism – der Titel dieses Debbts bezieht sich auf das heutige, urbane Zusammenleben und ist durchaus gesellschaftskritisch gemeint. Die Wortschöpfung bezieht sich auf den all zu zentralen Platz, den die Individualität heute eingenommen hat. Das führe zum Wunsch, ” diesen Trend zu hinterfragen, einen Schritt zurückzumachen und so zum wirklichen Selbst zurbckzufinden, erklärt die eloquente Genferin im Gespräch.

Das Eigene sei etwas grundsätzlich Gutes, das es früher in dieser Form nicht gegeben habe, habe sie von ihrer Grossmutter gelernt. Aber die Fixierung auf sich selbst lasse das Zwischenmenschliche verschwinden, und das sei nicht gut so. Diesem Trend sei entgegenzuwirken.

Die expressive Kraft dieser jüngen Stimme ist nicht nur inhaitlich, sondern auch musikalisch solide verarikert. Dafür kann sie auf vier Mitmusiker mit viel individueller Erfahrung zählen, auf die sich Berent game verlässt. “Can you bring my inside to the out?” Die entsprechende Textzeile könnte an die Mitmusiker gerichtet und als entschiedene Aufforderung gemeint sein. Einer der eindrücklichsten Höhepunkte vokaler Ausdruckskraft war siclier die musikalische Lyrik der afro-amerikanischen Civil-Rights-Bewegung der 1970er-Jahre, die Soraya Berent im Stuck “Humbf” modern adaptiert. Selbst natürlich zu jung, um die sechziger Jahre miterlebt zu haben, kam Berent mit der Black-Poetry-Bewegung über zeitgenössische Künstler wie Wanda Robinson oder Black Cracker in Kontakt. Bereits in einem früheren Bandprojekt hatte sie dann mit eigenen Texten über Stücken von Thelonious Monk experimentiert. Dass sich eine Sängerin aus der Schweiz (mit Eltern aus Grossbritannien und Polen) an solch Europa-fernes Kulturgut heranwagt, macht durchaus Sinn. Der Umstand, dass these amerikanische Tradition hier rezipiert wurde, mache sie zu einem wichtigen Bestandteil auch der hiesigen Musiklandschaft, erklärt sie.

Doch auch mit der tatkräftigen Mithilfe gestandener Instrumentalisten ist das eigene Innere immer noch nicht leicht aus den unbewussten Tiefen gehoben. “Gonna have to dig to what it is and where it comes from” heisst es da im Booklet. Weitere Hilfe holte sich Berent in Form von passenden Musikstilen. Traditioneller Jazz ist dabei das erwartete und deshalb banalste der Mittel. Das erwähnte Titelstück, aber auch die langeren Nummern “Undividualism” oder  “Ribeira” zeigen in jhrer traditionelien Klarheit die kompositorische und arrangierende Begabung Berents. Nicht weniger pannend nehmen sich daneben die Entlehnungen jüngerer Trends aus, wie zum Beispiel die Drum’n’Bass-Experimento von Roni Size oder 4hero, beides Strömungen, die progressive Strukturen und jazzfremde Rhythmen mit Jazzgesang und Spoken -Word-Formen kombinierten. Dana Bryant oder Ursula Rucker tourten damals erfolgreich auch durch die Schweiz. Aber auch populärer Soul dieses Jahrtausends nennt Berent als wichtiger Einfluss -Erykah Badou, eine Sängerin, die sich im Jazz zu Unrecht immer noch um Akzeptanz bemühen muss, hat bei Berent deutliche Spuren hinterlassen. Die nähere Tradition liegt wohl eben näher an der Realität als das blinde Sehnen nach der guten alten Zeit.

Die Rückbesinnung auf Vergangenes ist weder Selbstzweck, noch ist die Orientierung am Bewährten das einzige Ziel dieser Stilexkursionen. Es geht vielmehr um die Beseitigung der unbefriedigenden Umstände. “Stopping is not an option.” Das Eigene und das lndividuelle stehen auch bei Ubernahme von Bewährtem deutlich im Zentrum. Beeindruckt von einer Aufführung der französischen Theatergruppe Les lmprovisiak’s, wagen sich die fünf Musiker als wahrscheinlich “Konsequeltesten Ausdruck vollkommener Individualität auch an kollektivimprovisierte Nummern wie “Molecule”. Die CD kommt so auf eine beeindruckende und kohärente Vielfalt an individuellen AusdrLicksformen. Ab Februar 2012 ist eine gesamtschweizerische Promotional Tour im Rahmen der “Unit Nights” geplant.

JAZZ’N’MORE | Christof Thurnherr – Nov.2011

Soraya Berent Undividualism (UNIT RECORDS)

Soraya Berent (vocals; comp),
Evaristo Pérez (piano; fender rhodes)
Cédric Gysler (db)
Tobie Langel (dr),
Manuel Gesseney (as)

Label UNIT RECORDS
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